Warum
das Sacher in die Freudenau übersiedelte
"DIE
PRESSE" Abendblatt, 22. Mai 1868
Bilder
aus dem österreichischen Hof- und Gesellschaftsleben
Arthur
Schnitzler "Jugend in Wien" Autobiographie
Warum das Sacher in die Freudenau übersiedelte
Der Rennstallbesitzer Herr von
Szemere hatte Pfingsten 1914 das Österreichische Derby mit
seinem Rapphengst "Confusionarius" gewonnnen.
"Ich fühle mich verpflichtet, allen meinen Freunden wie
sämtlichen Mitgliedern des Jockeiklubs zu Ehren meines Pferdes
ein Siegesdiner auf dem Rennplatz in der Freudenau zu geben",
sagte Herr von Szemere zu Frau Sacher. "Aber ich lege besonderen
Wert darauf, dass sie genau so vorzüglich essen und trinken,
wie ich es hier in Ihrem Hotel gewohnt bin. Was soll man da machen?"
"Was machen? Da werd' i einfach mitsamt mein' Hotel hinunter
in die Freudenau fahren. Und i garantier' im voraus, dass sich keiner
wird beklagen können. Lassen's nur alles mir über, Herr
von Szemere".
Und so geschah es : das Hotel Sacher übersiedelte mit Sack
und Pack für einen Tag in die Freudenau!
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"DIE
PRESSE" Abendblatt, 22. Mai 1868
Pferderennen
in der Freudenau
Erster Tag, Donnerstag, 21. Mai 1868
"Ganz Wien" war auf
den Beinen. Es ist selbstverständlich, dass im Acionärraum
keiner der hervorragenden und auch nicht hervorragenden Sportsmen
fehlte, dass die Tribünen von dem elegantesten und bekannten
schönsten Damenpublicum besetzt war, dass große Mengen
Volkes sich an den Rennbarrieren aufgestellten hatten und dass all
die schönsten Wiener Equipagen, die wir im heurigen Frühjahre
öfters Gelegenheit hatten zu bemerken, ausgerückt waren.
Se. Majestät der Kaiser wohnte den Rennen von Anfang bis Ende
bei; es waren außerdem vom allerhöchsten Hofe anwesend:
Kronprinz Rudolf, die Herren Erzherzöge Karl Ludwig, Ludwig
Viktor, Albrecht, Rainer, Wilhelm, Ernst, Großherzog von Toscana,
Herzog von Nassau, Kronprinz von Hannover, die Frauen Erzherzoginnen
Annunciata, Marie und die Prinzessin von Hannover.
Das Programm des heutigen Renntages wies reich und sehr interessant
besetzte Felder auf; leider waren die Reihen der Combattanten durch
vorausgegangene Unfälle stark gelichtet.Für den Preis
des Österreichischen Derby von 6 000 Gulden für inländische
dreijährige Hengste und Stuten waren 32 Starter gemeldet.
Es liefen: Graf Wenckheim's Amati; Graf Otto Stockau nannte des
Grafen Festetis' Dante v. Teddington; Graf Henckel's Vieux Garcon;
desselben Czarin v. St. Giles; Prinz Louis Arenberg's Wyssehrad;
Graf Ivan Szapary's Coquette.
Nur diese 6 Concurrenten von den ursprünglich angemeldeten
32 schickte der Starter 10 Minuten nach 6 Uhr auf die Reise, das
erste österreichische Derby auszufechten. Die Flagge senkte
sich zu einem guten Start, Coquette nahm die Spitze der ersten Abteilung,
von welcher einige Längen ab die Favoriten Wyssehrad, Dante
und Vieux Garcon die Nachhut bildeten. Erst bei der letzten Wendung
gingen diese drei in Front, Wyssehrad bezwang seine beiden Gegner
leicht und mit Überlegenheit. Vieux Garcon musste sich nach
heftigem Kampf mit Dante schließlich mit dem 3. Platz begnügen.
Nach diesem Rennen überströmte das Publicum den inneren
Bahnraum, welchen mangels an polizeilicher Ordnung wir dem Interesse
am ersten Österreichischen Derby zugute halten wollen.
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Bilder aus
dem österreichischen Hof- und Gesellschaftsleben
Von Victor von Fritsche, Wien 1914
Das
Österreichische Derby, diese so einflussreiche und bedeutende
Errungenschaft des Jockeyclubs, fand erstmals am 21. Mai 1868 statt
und bildete das große Ereignis des Frühjahrs.
Die Freudenau war in jener Zeit erst am Anfang ihrer späteren
glänzenden Laufbahn und all die großen Tribünen
und Pavillons hat es noch nicht gegeben.
Das erste Österreichische Derby hatte noch an Glanz und Bedeutung
durch die Anwesenheit des Kaisers gewonnnen, er kam mit dem zehnjährigen
Kronprinzen und der Erzherzogin Gisela.
Die Kaiserin befand sich seit der am 22. April erfolgten Geburt
der Erzherzogin Marie Valerie noch in Ofen. Alle Erzherzöge
und Erzherzoginnen waren da, der gesamte Adel gab sich ein Stelldichein.
Das Derby fällt gewöhnlich auf den ersten oder zweiten
Sonntag im Juni, bildet sozusagen den offiziellen Schluss der Saison,
bevor die Gesellschaft in die Sommerfrische aufbricht. Die Freudenau
gehört gewiss zu den schönsten Rennplätzen, das wellenförmige,
mit frischem grünen Rasen bedeckte und mit einzelnen Baumgruppen
übersäte weite Terrain in den Donauauen ist ein freundlicher
Anblick und ein schöner Rahmen für den Hofpavillon und
die zahlreichen, anderen Tribünen mit dem bunten, geschäftigen
Menschengetriebe.
Hier ist nicht nur der Rendezvous-Platz der ernsten Sportgesellschaft,
sondern auch aller eleganten Damen, die ihre schönsten Frühlingstoiletten
zeigen, mit oft ganz kuriosen Hüten, der bunten Uniformen der
Militärs, dazwischen ein paar kleine, ganz unwahrscheinlich
dünne Jockeys, die sich, ihren leichten Sattel am Arm, durch
das Brouhaha der überströmenden Menge ihren Weg bahnen.
Die Freudenau ist auch der Platz, wo die Abgeschlossenheit der Hofgesellschaft
weniger zum Ausdruck kommt und verschiedenste Kreise sich vorübergehend
zu verschmelzen scheinen, wenn es auch in Wirklichkeit nicht der
Fall ist und ohne Konsequenzen bleibt.
Da gibt es ein fortwährendes Begrüßen und Freudeheucheln
von Menschen, die sich lange nicht gesehen haben, sie alle wollen
sich unterhalten und den kurzen Freudenrausch des Lebens genießen.
Das Bild ist von bezaubernder Wirkung und man hat den Eindruck,
als ob es nur Freude und Frohsinn und nur glückliche Menschen
auf der Welt gäbe!
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Arthur
Schnitzler "Jugend in Wien" Autobiographie
...In
diesem Jahr war ich besonders eifriger Besucher der Pferderennen
geworden; und wenn es auch gewiß nicht ein eigentlich sportliches
Interesse war, das mich in die Freudenau lockte, so lag doch nicht
im Totalisateur ihre einzige oder auch nur ihre Hauptanziehungskraft
für mich beschlossen.
Es war vielmehr diese ganz wunderbare Atmosphäre von Leichtigkeit,
Eleganz und Spiel, die meinen Sinnen schmeichelte.
Landschaft und Staffage hatten ihren besonderen Reiz: der von fernem
Wald umstandene Rasen, weiß umplankt, mit seinen Hürden
und Gräben, die hageren Jockeys in windgebauschter, grellglänzender
Seide, rot-, blau-, goldbeschärpt auf den nüsternsprühenden
edlen Pferden, die dunkel zusammengeballte, gegen die Grenzen des
Festplatzes zu sich verdünnenden und verlierende Menge - über
all diesem Schwirren, Raunen, Flattern, Fluten ein blaßblauer
Himmel, der mit kleinen weißen Wolken von den Wipfeln der
Praterbäume sich zur ungarischen Ebene hinüberspannte;
dazu das eigentümliche, etwas berauschende Gemisch von Heu-,
Stall-, und Wiesendüften und allerlei künstlichen Wohlgerüchen
- kein Wunder, dass man sich von einem Mal zum andern nach dem Zauber
dieser Bilder und dieser Düfte zurücksehnte...
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